Die Reise in den Mond * Leseprobe

Anwaín

  • Der Hof von Anwaìn

Seit Tagen kamen auf der tief von Wagenrädern und Pferdehufen durchfurchten Straße Fremde zum Anwaìn-Hof angereist. Endor, der betagte Wirt des legendären Gasthofes des Mittleren Nordens, hatte von früh bis spät alle Hände voll zu tun, die vielen hungrigen und durstigen Reisenden, die bei ihm einkehrten, zu bewirten. Er konnte sich nicht entsinnen, jemals so viele Gäste in seiner Wirtsstube gesehen zu haben, wusste lediglich aus Erzählungen seines Großvaters, dass solche Regsamkeit hier geherrscht hatte, als das Alte Reich der Zaubermenschen noch existierte.

Endor, seine Frau und die vier Kinder waren der Flut der Gäste nicht mehr gewachsen. So stellten sie Mägde und Burschen an, die ihnen selbstverständlich freudig zur Hand gingen, weil sie ihre Neugier kaum noch bändigen konnten und froh waren, mitten im Geschehen zu sein. Dass Endor das auf seine alten Tage noch erleben durfte, was sich draußen auf den Wegen Anwaìns abspielte. Sein Gemüt war hin und her gerissen, ob er es begrüßen oder bedauern sollte, denn seine ihm lieb gewordene Beschaulichkeit war mit einem Male aus seinem Leben gewichen. Das Gefühl, an einer unvergleichlichen Episode der Geschichte teil zu haben, die niemals in Vergessenheit geraten würde, ließ jedoch Stolz überwiegen.

All die verschiedenen Gesichter und Bekleidungen. Man bewirtete mitunter erhabene Herrschaften, die ihren Reichtum großzügig verteilten, als gäbe es kein morgen. Endor, seine Familie und Nachbarn würden sich, wenn alles vorüber sein würde, lang gehegte Wünsche erfüllen und einen wohlhabenden Lebensabend genießen können. Endor war sich nicht sicher, ob das Segen oder Verderben verhieß.

Zu den Gästen zählten am wenigsten Menschenwesen, sondern vor allem Rassen, von denen manche in Vergessenheit geraten oder nur aus Legenden bekannt waren. Die Menschen hatten die Herrschaft über die Wege des Mittleren Nordens verloren. Durch Anwaìn und Ihilovién, die nördlichsten Bastionen menschlicher Zivilisation, wanderten grobschlächtige, unfreundliche Vrane, zerlumpte und durchtriebene Vexen, zipfelmützige und eigenwillige Zwerge und durchtriebene Bolde mit Sack und Pack. Stolze und unnahbare Urten saßen wortlos auf den Bänken seines Gasthauses. Lustige und knollennasige Halblinge erschienen, genauso wie tanzende und singende Ilven, Spielmannsleut‘, Jongleure, Artisten und Feuerspucker aus vielen Provinzen, selbst buckelige und keifende Hexen, verführerische und wohlgestaltete Feen und verschwunden geglaubte, strenge Elben. Alle teilten sich die Wege und saßen gemeinsam beim Abendmahl. Staunend berauschten sich die Sinne an den Trachten und Gewändern. Mit dieser Flut thanischer Vielfalt und Farbenpracht waren die Anwaìner in ihrem sonst gemachem Bauernleben überfordert. Alles erschien ihnen wie ein Traum. Aber es gab so viel mit der Bewirtung und Beherbergung zu tun, dass keine Zeit blieb, über dieses wunderliche Treiben in Anwaìn nachzudenken.

Endors Hof lag an einer wichtigen Pforte des Nordens, vielleicht der einzige halbwegs gangbare Zugang zu den Tiefen des Hochgebirges. Früher einmal, vor einigen Generationen gelangte man von hier aus über die südlichen Ausläufer des großen Gebirges in die östlichen Gebiete dieser Welt. Die einzige Straße sozusagen, die eine Verbindung zwischen West und Ost schaffte. Aber die Zeiten hatten sich geändert. In das südliche Gebirge waren merkwürdige und unfreundliche Völker eingezogen, die etwas dagegen hatten, dass Händler und Reisende so mir nichts dir nichts von West nach Ost und umgekehrt verkehrten. Aus nicht bekannten Gründen setzen sie alles daran, jede Verbindung zu unterbinden. Und so lag der Anwaìn – Hof plötzlich nicht mehr an der wichtigsten Straße des Mittleren Nordens, sondern nur noch idyllisch inmitten einer lieblichen Aulandschaft an einem gurgelnden Bach, der lustig ein Mühlrad antrieb, fern ab dem Geschehen. Von hier konnte man nur noch in die nördlichen Grasebenen gelangen, ein ödes, langweiliges Land, über das sich so manche sonderbare Geschichte spann. Wer wollte da schon hin?

Und auch sonst hatte Anwaìn nichts Besonderes zu bieten. Keine Sehenswürdigkeiten, keine seltenen Rohstoffe oder Bodenschätze, keine bedeutenden Könige, nichts dergleichen. Anwaìn war der müde Rest einer, wahrscheinlich für immer untergegangenen Epoche. Unweit von hier gab es nur noch alte Ruinen einer versunkenen Metropole, die von dieser Blütezeit zeugten. So manch arme Leute hatten dort Steine für ihre Behausungen abgeholt und den Ort eher unansehnlich gemacht.

Mit einem Male waren diese alten Legenden wieder erwacht. Wenn auch anders, als dazumal, denn all die Wesen kamen friedvoll miteinander aus. Die sonst so zänkischen Wort- und Gebärdenfehden waren wie Morgennebel verflogen. Da musste außerordentlich Wichtiges vonstatten gehen, dass man darüber die alltäglichen Sorgen und Nöte vergaß und sich auf ein über alle Maßen bedeutsames Ereignis besann. Oder standen sie alle unter dem Schutz eines mächtigen Zaubers?

 

Affenküste

Einige Monate zuvor:

Das Rauschen der immerwährenden Brandung des Meeres holte ihn, der da oberhalb der Flut im Sand lag, langsam in das Wachsein zurück. Ein leichter, angenehm warmer Seewind strich ihm sanft über den Körper – den hatte er also noch, seinen Körper. Das beruhigte ihn, denn das schenkte ihm Gewissheit, dass er lebte oder sich zumindest in einem Zustand befand, in dem er wahrnehmen, empfinden und denken konnte.

Wie kam er überhaupt dazu, anzunehmen, er könnte tot sein?

Langsam öffnete er seine von Salz und Sand verklebten Augen und spürte, wie gleißendes Licht ihn in den Augen schmerzte.

‘Alles ganz langsam’, dachte er sich und blieb noch eine Weile reglos mit geschlossenen Augen liegen, lauschte den Klängen, die ihn umgaben. Das Schlagen und Rollen der Wellen, das ferne Geschrei aufgebrachter Vögel, der Zug des Windes in seinen Ohren. Er versuchte, sein Gesicht von der blendenden Sonne abzuwenden. Behutsam drehte er sich langsam zur Seite, und betrachtete blinzelnd und zaghaft, fast ängstlich seine Umgebung. Etwas in ihm schien darauf gefasst zu sein, sich in einer sehr unliebsamen Situation zu finden, in etwa so, als würde er in einem Strafgefangenenlager erwachen Im Moment der zögerlichen Bewegung spürte er, dass sich sein Körper wie durchgeprügelt anfühlte. Seine Befürchtungen zerstoben wie die Wasserperlen der Gischt. Er war allein. Das beruhigte für einen Augenblick und unter körperlicher Erschöpfung sank der Gestrandete wieder in sich zusammen. Seine Knochen schmerzten, Schürfwunden brannten vom Salz des Wassers.

Was war geschehen? Wie war er in diese missliche Lage gekommen?

Jede Erinnerung war ausgelöscht. Zeitlos und ohne jeglichen Zusammenhang lag er auf jenem weißen und glitzernden Sandstrand. Er betastete seine zerrissene und feuchte Kleidung, aber es fiel ihm nicht ein, weshalb er sich in diesem Zustand befand.

Er blinzelte auf das Meer hinaus, das unbeeindruckt von der Zeit Welle auf Welle an den Strand spülte und das ewig rauschende Lied schäumte.

So schön das alles sein mochte – Einsamkeit und die laute Stille schnürten ihm die Kehle zu. Ihm war überhaupt nicht danach, sich in dieser verlassenen Situation zu befinden. Er hatte Hunger, Durst und er fühlte sich verdammt unwohl in seinen zerrissen Kleidern, die ihm in Fetzen am Leibe hingen. Auch wenn er nicht wusste, woher er gekommen war, wusste er dennoch mit ziemlicher Sicherheit, dass das hier nicht sein normales Leben war – Einsiedler in einer Strandidylle zu sein. Er sehnte sich nach etwas zurück, was er nicht einmal mehr kannte. Das Meer hatte ihn ausgespuckt und achtlos zurückgelassen. Er fühlte sich in dieser Lage trostlos und wähnte, dass es womöglich besser gewesen wäre, wenn er ertrunken wäre, ihn das Meer in seine Tiefe mitgenommen hätte. Es war ihm äußerst unangenehm, sich in einem solchen schmerzenden Körper zu befinden.

Die Sonne begann auf der entblößten Haut zu brennen. Schweißperlen rannen ihm von der Stirn und sein kraftloser Körper verlangte nach Schatten. Steif, wie er sich fühlte, drehte er langsam seinen Kopf, um endlich diesen öden Ausblick auf das Meer los zu werden. Hinter sich, nicht allzu weit entfernt, säumten Palmen den weißen Sandstreifen. Schatten! Dort musste er hin. Und war es noch so nichtig, dieses Ziel weckte neue Kräfte in ihm, die ihn trotz der Schmerzen, Länge um Länge zu den tanzenden Schatten der Palmen krabbeln und robben ließen. Schließlich war er ja hart im Nehmen – das wusste er noch, obwohl jedwede Erinnerung ihn verlassen hatte. In seinem Leben davor gab es kein Hindernis, was er nicht überwinden konnte. Es war nicht sein Schicksal und lag ihm nicht im Blut, träge und tatenlos im Sand herumzuliegen.

Die Sonne wurde intensiver und seine Haut begann zu schmerzen. Als verbrannter Kadaver für diese aufgebrachten und gierigen Vögel, die ihn in großen Kreisen umschwirrten, wollte er nicht enden.

Allen Mut nahm er zusammen, um ungeachtet der Schmerzen vorwärts zu kommen, bis er sich erschöpft in der Kühle des Schattens an den Stamm einer Palme lehnte.

Geschafft! Von dort sah alles schon nicht mehr so trübe und ärmlich aus.

Sein Blick folgte dem scheinbar endlosen Saum der Brandung, der sich zu beiden Seiten in einem diesigen Horizont verlor. Draußen, weit draußen auf dem Meer, konnte er vage die Umrisse von kleinen, verstreuten Inseln ausmachen, die im silbrig – grauen Meer zu versinken schienen.

Was um alles in der Welt hatte ihn hier hergebracht?

Die frechen und laut tönenden Vögel holten seine Blicke zurück an den Strand. Er sah, wie sich einiger dieser fliegenden Nervensägen an einem Haufen zu schaffen machten, der da unweit am Strand verstreut lag. Es war Strandgut, zwischen dem etwas Längliches lag. Eine reglose Gestalt, halb im Sand vergraben.

Na klar! Er war ja sicherlich nicht allein gewesen – auch wenn er nicht wusste, wobei er nicht allein gewesen war. Er war es gewöhnt gewesen, in größeren Gruppen zu reisen. Das Alleinsein war ihm fremd und unheimlich. Der Anblick, dieser dort liegenden Gestalt, gab ihm Zuversicht und Hoffnung, tröstete ihn über den unglücklichen Umstand hinweg – er war nicht allein! Das beruhigte ihn.

Ja, es durchflutete ihn eine solche Freude, dass er, alle Schmerzen vergessend, aufsprang und zu jener hoffnungsvollen Stelle hinüberlief.

Er wollte nur noch eines wissen – lebt diese Gestalt oder nicht?

Unbeholfen hastete er ungeduldiger Schritte über den Sand, bis er kurz vor seinem Ziel überschwänglich über eine halb vergrabene Holzplanke stolperte, über den reglosen Körper hinweg taumelte und mit dem Gesicht im Sand zum Liegen kam. Seine Füße wirbelten Sand auf, der auf den Bewegungslosen hernieder regnete. Aber genau diese tollpatschige Art brachte die versandete Gestalt zum Erwachen, die sich mit zaghaften Körperregungen und grummelnden Lauten bemerkbar machte.