0 * Jamilanda – Leseprobe

 

 

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Jamilanda – die öko-ligente LebensArt

Lies dieses Buch, als wäre es ein Märchen, das wahr geworden ist!


Gärten der Zukunft

„Das sind die Felder und Wiesen von Jamilanda“, sagte Ross, als wir nach einer langgezogenen Kurve aus dem Wald herausfuhren und in ein weites Tal hineinblickten. Es war, als öffnete sich zwischen mächtigen Buchen ein großes Tor, durch das wir in eine andere Welt gelangten. „Was meinst du?“„Na, alles, was du vor dir siehst.“Soweit das Auge reicht sah ich runde Felder, Viehweiden, Obstwiesen und größere Haine, zwischen denen vereinzelt Dächer und gläserne Kuppeln hervorlugten. „Bis zu den Anhöhen dort hinten?“, rief ich beeindruckt, weil ich eine derartige Ausdehnung nicht erwartet hatte. „Ja. Imposant, nicht wahr? Ich liebe den Ausblick von hier oben.“ „Alles, was wir sehen, gehört dazu?“, vergewisserte ich mich nochmals, ob er das gesamte Land meinte, was sich vor uns ausbreitete. „Und darüber hinaus sogar. Das Gebiet dehnt sich jedes Jahr weiter aus.“

Ich hatte zwar im Internet ein wenig über Jamilanda recherchiert, aber nicht daraus ersehen können, wie weit sich das Gebiet der Föderation ausdehnt.Ross fuhr langsamer, um mir Gelegenheit zu geben, mich genauer umzusehen. Ein breiter Streifen üppig blühender Wiesenblumen trennt die Fahrbahn von einem Radweg. Kleine Hutewäldchen tauchten links und rechts der Straße auf. Relikte aus jener Zeit, als man Haustiere im Wald weiden ließ, weil es seinerzeit zu wenig Futter auf den Feldern gab. Besonders Schweine wurden in solchen Wäldern aus Eichen und Buchen gehütet. Nun sind es lichtdurchflutete Weiden mit mächtigen Baumriesen, die es Pferden und Rindern ermöglichen, in den Schaffenspausen nahrhaftes Futter aufzunehmen. Diese landschaftlichen Kleinode, mit ihrer natürlichen Schönheit und Idylle sind typische Bilder, die viele mit Deutschland verbinden. Wurzeln unserer Kultur und Lebensart. Ich sah eine kleine Herde, die unweit der Straße weidete.

„Über den Sommer bleiben die Pferde im Hain und versorgen sich selbst“, sagte Ross mit seiner warmen, tiefen Stimme. „Dazu eignen sich besonders die Tarpane, die alten Wildpferde, die man in Jamilanda heimisch gemacht hat“, ließ er mich wissen. Von Tarpanen hatte ich bis dahin nie etwas gehört und ich ließ mich belehren, dass sie einst die heimischen Waldpferde in Mitteleuropa waren. In Polen gelangen aufwendige Rückzüchtungen des ausgestorbenen Pferdes, von denen nun einige im Alten Wald und der Prärie leben. „Prärie?“ „Die jamilandische Prärie meine ich. Du wirst sie sicherlich kennen lernen“.

Ich hatte gar keine Gelegenheit näher auf die Prärie einzugehen, denn Ross erzählte weiter von den Pferden. Ich belächelte ihn insgeheim, denn unter Prärie verstehe ich eine endlose Weite, die ich mir in Deutschland nicht denken kann.„Einmal im Jahr gibt es einen traditionellen Umzug mit Kutschen und Pferden. Über fast zwei Wochen pilgert ein Treck in mittelalterlichen Kostümen über die alten Handelswege. Ein Dasein, wie in alten Zeiten, und wir lernen eine Menge über das Wesen des natürlichen Lebens. Jedes Jahr eine andere Route. In den Orten werden wir wie Helden empfangen und oft treffen wir auf einen mittelalterlichen Markt. Der Umtrieb findet jährlich im August statt.“ „Das hört sich verlockend an. Gelagert wird sicherlich im Freien“, stellte ich mir bildhaft diese Landreise vor. „Das ist das Romantische an der Pilgerfahrt. Jedes Jahr werden es mehr Familien mit Kindern, die daran teilnehmen. Die Idee hat man aus Norwegen übernommen, wo dieses Spektakel mit Pferdeschlitten veranstaltet wird. Wir überlegten, dass man hierzulande mit einer Karawane von Pferde-Kutschen Traditionen und Wissen der Landbevölkerung bewahren und junge Generationen an das ursprüngliche Leben auf dem Lande heranführen könnte.“„Die werden das sicherlich lieben.“ „Für die Kinder ist das ein sommerlicher Höhepunkt. Lagerfeuer und Musik, Reiten, unterwegs sein und feiern. Ein unvergleichliches Abenteuer, zumal sie dabei eine Menge darüber lernen, wie man sich hilft, wenn die Errungenschaften der bequemen Welt nicht zur Hand sind. Mal weg von allem Luxus und erleben, dass das einfache, manchmal auch mühsame Leben genauso lebenswert ist.“ „Ein schöner Urlaub. Da würde ich gerne einmal dabei sein.“ „Kein Problem, Leander. Es gibt dazu eine Internetseite, wo du dich anmelden kannst.“

Ich notierte mir die Adresse in mein ‚Gedächtnis-Büchlein’, ohne das ich niemals aus dem Haus gehe. Ross bog mit dem Auto in einen schmalen Feldweg ein. Ich hatte das Seitenfenster herunter gelassen, lehnte mich aus dem Wagen und ließ mich vom Frühling und der zärtlichen Wärme verwöhnen. Ein warmer Frühlingstag im Mai. In der Luft summten Bienen, flatterten Schmetterlinge, brummten Käfer und tirilierten Singvögel. Der süßlich-krautige Duft von Blumen und Gewürzen, von fruchtbarer Erde und satten Wiesen trieb mir in die Nase. Die Natur war im Begriff sich in voller Pracht zu entfalten. Wir hielten an einem runden Parkplatz an.

„Lass uns eine kleine Pause einlegen. Gehen wir ein bisschen herum“, schlug Ross vor. Ich nickte und gab zu verstehen, dass ich es mir gerne gefallen ließ. Wir gingen auf einem mit feinen, weißen Kieseln bedeckten Weg, der sich fast schüchtern zwischen dichten Hecken und Rabatten in das Land vortastete. Beidseitig des Weges wachsen Beerenbüsche, unter denen sich Teppiche aus Kräutern, Heilpflanzen und Blumen ausdehnen. Dazwischen tänzelt ein Bachlauf. „Wann genau fing das an, mit Jamilanda?“, fragte ich, weil ich während des Gehens gerne ein anregendes Gespräch führe. „Ach, ich hatte mich schon gefragt, wann diese Frage wohl kommen mag. Du willst es sicherlich genau wissen?“, vermutete er mit einem leicht enttäuschten Unterton.

„Natürlich!“„Am 8. August 1987 startete das Projekt“, nannte er lediglich ein Datum, als wäre es das einzige, was mich interessierte. Ich musste ihm anfänglich alles aus der Nase ziehen, bis er schließlich auftaute und beschrieb, wie es sich zugetragen hatte, die Region wieder zu beleben. Ross erzählte freimütig über die einzelnen Schritte und Maßnahmen, die unternommen wurden. Ohne dass ich ihm weitere Fragen stellen musste, schilderte er, wie die einheimische Bevölkerung reagierte, und was die Mitglieder der Gruppe im Einzelnen taten, um ihr Konzept einer gesunden, florierenden und weitgehend selbstverwalteten Kommune umzusetzen. Jeder Schritt wurde mit allen Beteiligten abgesprochen und aufeinander abgestimmt: Bürgermeister, Kommunalpolitiker, Bauern, Handwerker und Kirche.

Und, was ist das dort hinten?“, fragte ich neugierig und deutete auf mehrere schlanke Türme, die ich auf der Anhöhe eines Hügels sah.„Das sind die Windturbinen einer Bauern-Kooperative, die ihre Betriebe zu Getreidemühlen umgerüstet und nun als Müller ihren Platz in der Gemeinschaft gefunden haben.“ „Das sind Windmühlen? Die Rotoren sehen aber merkwürdig aus?“, wunderte ich mich über die Blütenform der Windanlage, die aussah, als sei es ein überdimensionales Windspiel von Kindern.

„Die neue Generation. Diese Form ist effizienter. Selbst bei geringen Windstärken, bei denen große Windräder still stehen, nutzen diese Rotoren die Thermik aufsteigender Luftströme.“ „Eigenartig, warum solche Erkenntnisse nicht überall umgesetzt werden“, wunderte ich mich. „Vor allem verbreiten diese Rotoren kaum Geräusche und sind nicht so gefährlich für die Vögel“, ergänzte Ross die Vorteile der modernen Windrotoren. „Was sind das dort für Kuppeln?“, deutete ich auf Kuppeln, die wie große, durchsichtige Fußbälle in die Erde eingelassen zu sein scheinen. „Gewächshäuser“, erläuterte Ross. „Die müssen aber groß sein!“ „Angesichts des Klimawandels, beziehungsweise extremerer Wetterphänomene denken wir komplexer und nachhaltiger.“ „Wenn man es sich leisten kann, in solchen Dimensionen zu bauen.“ „Keine Frage der Kosten, wenn man Strom und Wasser unbegrenzt und kostenlos zur Verfügung hat. Und bei den Baukosten kann man auch noch reichlich sparen, wenn man Materialien verwendet, die direkt vor der Haustür wachsen.“

„Wassermangel ist in der Föderation ein Fremdwort. Denn das Regenwasser wird von sämtlichen Gebäuden in Jamilanda in die unterirdischen Zisternen geleitet und dort zu Trinkwasser aufbereitet. Für die sanitären Anlagen haben wir ein separates Brauchwassersystem entwickelt. Dieses ausgeklügelte Wasser-Konzept setzen zunehmend mehr Kommunen in ihren Gemeinden um. Der Handel mit diesem praktischen Know-how finanziert übrigens die Instandhaltung und den Ausbau des Wassernetzes.“

Samen der Träume

Seit wir in das Gebiet Jamilandas eingetreten waren, fiel mir auf, wie die Bäume, Kräuter, Gemüse oder Blumen vor Lebenskraft strotzen. Ich fragte Ross, was dafür verantwortlich ist, dass die Natur derart überquellend und gesund erscheint. „Die Landhege ist ein komplexes Thema. Zahlreiche Faktoren tragen dazu bei. Allen voran eine natürliche Düngung und das systematische und flächendeckende Betreiben von Permakultur, als auch der Einsatz effektiver Mikroorganismen , das den Einsatz von Chemikalien überflüssig gemacht hat. Wenn überhaupt Mittel eingesetzt werden, um Überbevölkerungen von Insekten einzudämmen, dann werden Duftstoffe und abwehrende Pflanzen genutzt. In einem intakten System hilft die Natur sich weitgehend selbst. Wichtig ist die optimale Versorgung aller Pflanzenzellen. Das gewährleistet das Ausbringen der Terra Preta und der Asche der Agnihotra-Zeremonie.“ „Oh, so genau kenne ich mich gar nicht aus“, gestand ich. „Meistens habe ich mich bei meiner Arbeit als Journalist eher mit Umweltkatastrophen und einer zerstörten Natur zu tun. Leider versäumt man dabei oft, sich Gedanken darüber zu machen, wie solche Prozesse umkehrbar sind oder vermieden werden können.“ „Eine intakte, gesunde Natur ist eine Errungenschaft, auf die wir sehr stolz sind. Ein natürliches Gleichgewicht, dass durch die Anwesenheit des Menschen nicht gestört, sondern gestärkt wird.“ „Erstaunlich. Das sind völlig neue Perspektiven für die Landwirtschaft. Dafür müsste man sogar einen neuen Begriff finden, um diesen Quantensprung auszudrücken“, überlegte ich. „In Jamilanda sprechen wir von Landhege oder der Partnerschaft mit der Natur.“ „Demnach sind die Bauern die Landheger“, schlussfolgerte ich. „Nicht nur die sind Landheger. Alle sozusagen. Wissen und Bewusstsein wird stets auf alle Bürger übertragen. Fachwissen lässt sich kollektivieren und alle Mitglieder der Gemeinschaft erweitern dadurch ihre Horizonte.“ „Keine Fachidioten mehr, um es genau zu sagen, sondern vielseitige Menschen“, begrüßte ich frohlockend. „Jeder lernt von jedem.“

Wir umrundeten den See und kamen hinter einem Gürtel aus Bäumen, Büschen und Blumen zum nächsten großen Rund. Eine saftige Weide, auf der Kühe und Schafe weideten und ein paar Ponys grasten. Ross deutete auf einen großen Behälter, der in einen künstlichen, kuppelartigen Hügel eingelassen war. Ross wies darauf hin, dass darin Bioabfälle gesammelt werden, die regelmäßig von pferdegezogenen Wagen abgeholt und zu den hochmodernen Kompostier- und Biogasanlagen gebracht werden. „Unvorstellbare Mengen kommen zusammen, wenn alle Landheger konsequent Bioabfälle zusammentragen. Und der Tierdung ist Bestandteil der Permakultur. Pferde- und Kuhdung lassen sich zudem hervorragend als Brennbriketts verwenden.“ „In Jamilanda werden fossile Brennstoffe verfeuert?“, wunderte ich mich im Glauben, die Föderation engagiere sich für den Klimaschutz.„Das ist doch alles Blödsinn mit dem Kohlendioxid. Von der Lüge haben wir uns vor Jahren verabschiedet. Lange, bevor anderen Zweifel an dem Szenario kamen, erkannten unsere Wissenschaftler, dass der Kohlendioxidausstoß unmöglich eine Klimaerwärmung hervorrufen kann. Die Erwärmung hat andere Ursachen. Sonnenflecken und universelle Zusammenhänge.“

Ross erzählte mir nicht unbedingt etwas Neues. Neu war für mich die überzeugte Gewissheit, mit der er das aussprach.„In manchen Lebensgemeinschaften haben die Bewohner keine andere Wahl, als offene Feuer zu machen“, erklärte Ross und gab mir beiläufig einen Hinweis, dass besondere Lebensformen in der Föderation zu finden sind, ohne darauf näher einzugehen.

Durch ein grünes Bogentor aus Efeu gelangen wir auf ein weites Rundfeld, in dem allerlei Getreidesorten in den einzelnen Segmenten des grün-gefächerten Feldes sprießen. In dessen Mitte thront erhaben und frei ein von Säulen getragener Pavillon aus hellem Sandstein. „Dies ist einer der vielen Tempelchen, in denen die Landheger die Agnihotra-Zeremonie abhalten“, lehrt mich Ross, bevor ich ihn danach frage. „Agnihotra ist eine sehr alte Zeremonie. Ihre Wurzeln reichen einige tausend Jahre zurück in die Epoche der Veden , in der Mensch, Natur und Elemente in einer tiefen spirituellen Harmonie vereint waren. Sie dient der Energetisierung der Luft. In solchen Erdtempeln wird morgens und abends eine spezielle Mischung bei vedischem Gesang geräuchert. Wenn du Frühaufsteher bist, kannst du daran einmal teilnehmen.“

„Wie können wir den Geist dieser Lebensart lehren, damit er Grundlage und Ausgangspunkt einer Neuen Gesellschaft wird?“„Hat die Menschheit diesen Punkt erreicht? Ist der Zeitpunkt gekommen, in dem dieser Geist die kritische Masse des morphogenetischen Feldes erreicht hat?“, fragte ich ihn und wollte eine ehrliche Antwort von ihm. Hatte ich etwas verpasst oder nicht mitbekommen?“„Das würde man merken. Alle würden das merken, nicht wahr? Wir nähern uns diesem Ereignis, vor allem dann, wenn wir diesen Geist im Weltlichen verankern. Praktisch und konkret die äonenlange Phase des Glaubens überwinden und die Weisheit des Seins zur Grundlage eines spirituellen Alltags werden lassen“, sagte Ross bedächtig und gebärdete sich wie ein betagter Philosoph. Das klang abgehoben und utopisch. Trotzdem bewirkte die bildhafte Vorstellung ein tiefes Durchatmen, als würde meine Nase nach langem Schnupfen wieder frei atmen können, als erwache ein Schneewittchen in meinem Seelenschloss.

Der Tiegel 

Ross und ich erreichten das Auto und fuhren die letzten Kilometer zur Ortschaft. Ein imposantes Ministädtchen, dessen Silhouette einem Bild aus 1001 Nacht glich. Türmchen, Zinnen, Bögen und zwiebelige Kuppeln ragten vor uns empor, umgeben von einer verzierten und bemalten Stadtmauer, die zu beiden Seiten in eine dichte, mehr als drei Meter hohe Hecke überging. Diese Hecke zog sich um den gesamten Ort und wurde nur an drei Stellen von einem steinernen Stadttor unterbrochen. Durch drei geschwungene Bögen bewegten sich elektrisch betriebene Rikschas, verschiedene Arten von Pferdewagen, phantasievolle Fahrräder und allerlei eigentümliche Fahrzeuge. Neben Elektroautos fuhren viele Autos mit Biogas oder Wasser. Manche wurden von Magnetmotoren angetrieben. „Sie entwickeln gerade ein Auto, das mit freier Energie fährt. Das sogenannte Tesla-Mobil“, ergänzte Ross die Palette. Einige Dutzend Meter vor dem Stadttor bogen wir zu einem Tunneleingang eines unterirdischen Parkhauses ab, in dem Ross das Luftauto abstellen wollte. „Du kannst dort auf mich warten. Ich bin sofort wieder zurück“, schlug Ross vor und deutete auf einen Park und Spielplatz, der sich als grünes Dach über dem Parkhaus wölbte. Eine abwechslungsreiche Anlage, in der Kinder spielten und Erwachsene beisammen standen oder saßen. „Ich komme gleich dahin, dann bringe ich dich zum Gemeinschaftshaus. Vorher muss ich das Auto beim Club abliefern. Es ist ein Öffentliches Auto, nicht meines.“„Öffentliches Auto?“, wiederholte ich fragend. „Wie die meisten Bürger Jamilandas habe auch ich kein privates Auto. Wir sind vor Jahren auf das System öffentlicher Personenwagen umgestiegen“, erklärte mir Ross.

Wir folgten der Allee und gelangten nach kurzer Zeit auf einen weiteren Platz. Zwischen den großzügigen und hellen Gebäuden, offensichtlich umgebaute und modernisierte Scheunen, fanden sich abermals prächtige Gärten. Die Rückseiten der Häuser waren von geräumigen Innenhöfen und Grünflächen umgeben. Wir erreichten die Anhöhe, auf der ein größeres, rundes Gebäude wie ein Raumschiff thronte. „Das Gemeinschaftshaus von Jamilanda“, sagte Ross ausladend, als hätten wir ein bedeutendes Ziel erreicht, und deutete auf den eigentümlichen Kuppel-Bau. „Hat den Spitznamen Ufo bekommen“, kicherte er.Das Kuppeldach des Gemeinschaftshauses war mit Solar-Ziegeln gedeckt, die transparent zu sein schienen, fast wie Glas. Oben auf leuchtete eine Kugel aus Spiegeln . Wie ein großer Diamant glitzerte sie, wenn die Sonne schien. Großzügige, geschwungene Treppenstufen führten zu breiten Bogen-Eingängen hinauf, welche mit farbvollen und filigranen Tiffany-Glas Mustern ausgearbeitet waren. Menschen gingen ein und aus, hockten auf der Wiese in Gruppen beisammen, unterhielten sich, machten Picknick. Eine angenehme Atmosphäre.

Im Inneren dieses Gemeinschaftshauses öffnete sich ein hohes, helles Gewölbe. Als käme man in einen fruchtbaren Garten, zierten exotische Pflanzen stilvoll gestaltete Sitzkreise, die von Wasser fließend, sprudelnd, springend und gluggernd umspielt wurden. In der Mitte dieses Saales befand sich ein Buffet-Tresen, wo Speisen bereit standen. Wir durchschritten ein kleines Tor, an dem ich meinen Besucherausweis benutzen musste, um die Sperre zu lösen, die den Durchgang zur Speisentafel blockierte. Die Menschen bewegten sich in einem geheimnisvollen Fluss. Sie behinderten sich nicht, verursachten weder Gedränge noch einen schiebenden Stau. Wie durch unsichtbare Kräfte bewegt, sorgten alle Anwesenden für einen harmonischen Bewegungsablauf, geduldig und gelassen, zuvorkommend und rücksichtsvoll. Dieser Umstand weckte in mir unweigerlich das Bild einer übergeordneten Intelligenz, welche die Bürger unsichtbar dirigiere. Das sind die Kleinigkeiten des Alltages, auf die es ankommt, dachte ich mir. Das Leben ist angenehmer, wenn Gelassenheit und geduldiges Wohlwollen, Kooperation und Achtsamkeit vorherrschen. Auf wundersame Weise verlief der Betrieb zügig und reibungslos.

„Weshalb haben wir uns nicht direkt im Gästehaus verabredet?“ „Eine Art Ritual, Neuankömmlinge zuerst in den Tiegel zu bringen.“ „Der Tiegel? Was wird denn hier hergestellt? Was ist dies für ein Haus? Ich dachte, es sei eine Mensa, oder?“ „In diesem Tiegel werden die Egos eingeschmolzen“, sagte Rosa schlagfertig und lachte laut auf, weil sie sich über meine falsche Annahme amüsierte und ihr das gerade geschaffene Bild gefiel. „Kennst du nicht das I-Ging?“, fragte sie verwundert. „Ist mir ein Begriff. Ein Buch, nicht wahr? Habe es nicht gelesen“, gestand ich. „Dann kannst du den Begriff natürlich nicht verstehen.“ „Magst du ihn mir erklären?“, bat ich freundlich, um über meine Beschämung hinweg zu täuschen. „Das I-Ging hat einen hohen Stellenwert in Jamilanda, denn es vermag ein unschätzbarer Ratgeber zu sein, wenn es darum geht, gute Entscheidungen für eine Gemeinschaft zu treffen.“ „Du willst mir doch nicht erzählen, dass euch ein Orakelbuch die Entscheidungen abnimmt“, stellte ich befremdlich fest. „Dafür müsstest du das Buch und die ihm zu Grunde liegende Absicht kennen. Es wurde für diejenigen geschrieben, welche edel und rein in ihrem Handeln werden wollen. Insbesondere als Anleitung für die chinesischen Kaiser, für weises und gerechtes Regieren.“ „Edel und rein? Wer bestimmt, was edel, und was rein ist?“ „Das sind die Grundtugenden des Menschseins, die sich in allen Kulturen dieser Erde wiederfinden lassen.

In den Anfangszeiten diente ein heruntergekommener Altbau als Treffpunkt, an dem sozusagen die Gemeinschaft geschmiedet wurde. Dazu gehörten die I-Ging Sitzungen genauso, wie das gemeinsame Musizieren und Speisen. Damals fanden sie heraus, dass dies nachweislich ein Kultplatz der Kelten gewesen ist. Ein Knotenpunkt von Energiebahnen, wie Geomanten herausfanden, an dem sich Kräfte verbinden.“ „Und was hat das mit dem I-Ging zu tun?“ „Das ist das fünfzigste Zeichen, „Ding“, der Tiegel, und spricht über das Gelingen und über die Bedeutung dessen, das Volk zu speisen. Vor allem mit der Kraft der Ahnen.“ „Du meinst, dass man große Ziele, wie das Gründen einer Gemeinschaft, nur erreichen kann, wenn dem Einzelnen seine Existenzsorgen genommen sind?“ „Dem kannst du sicherlich zustimmen, nicht wahr? Menschen, die in Angst um ihre Existenz sind, können sich nicht dem Spirituellen öffnen. Ihr Geist ist gefangen im Kampf und Mühen ums tägliche Überleben.“ „Auf alle Fälle. Das sind auch meine Erfahrungen. Ein klassischer Grund, weshalb Gemeinschaften oft nicht funktionieren und in der Schlaufe von Existenzsorgen hängen bleiben.“ „Das Holz, wie es das Buch nennt, nährt die Flamme des Geistigen, den kulturellen Überbau einer Gesellschaft. Das ist der Sinn und die Bestimmung des Hauses.“„Demnach ist die Mensa nur ein Teil des Gebäudes. Was befindet sich denn im oberen Teil?“„Unter der Kuppel befindet sich ein großer Saal, in dem wir die Verbindung zwischen Erde und Himmel, Mensch und Kollektiv, Gesellschaft und Ahnen zelebrieren.“ 

Wassergrotte 

Gewächshäuser, runde Felder, Weiden und seltsame Anlagen, futuristische und märchenhafte Gebäude waren zu erkennen. Alles erschien mir fremd und gleichzeitig vertraut. Ich war überwältigt. Eine komplexe intelligente und ökologische Gestaltung. „Ich staune, welche Ausmaße Jamilanda angenommen hat, dass das alles stattfinden und funktionieren kann“, versuchte ich meine Ergriffenheit in Worte zu fassen. „Jamilanda ist eine Schule des Lebens. Müßig zu erklären“, sagte Rosa mit einem seltsamen Unterton und fügte nach einer kurzen Pause hinzu:„Ich nehme dir nicht ab, dass du gekommen bist, um einen Artikel zu schreiben. Ich sehe da etwas ganz anderes!“ „So, was denn? Weshalb sollte ich sonst gekommen sein?“ „Es ist deine Reise, deine persönliche Entscheidung, deine Erfahrung, die du gewählt hast. Auf dieser Ebene werde ich dir begegnen, nicht als Pressesprecherin von Jamilanda“, verdeutlichte sie unmissverständlich und appellierte an den Mensch in mir. Ich spürte ansatzweise die Herausforderung, die auf mich zukam. Für einen Moment packten mich Fluchtgedanken. Wollte ich vor etwas davonlaufen und wenn ja, vor was? „Bekommst du es mit der Angst zu tun?“, ging Rosa sogleich auf diese Schwingung ein. Ich fühlte mich ertappt.

„Das ist nicht über Nacht oder zufällig entstanden. Dazu braucht es mehr.“ „Was denn?“ „Klare Visionen. Bewusste und bedingungslose Bereitschaft des einzelnen.“ „Zu was?“ „Was willst du hören?“ „Die Wahrheit.“ „Das ist nichts, was wir einmalig erlernen, wie bei einer Lehre oder einem Studium. Zwei, drei Jahre büffeln und Schwups besitzt man es für den Rest seiner Tage…“ „Die meisten Gemeinschaften scheitern an Konzepten, denen sich alle unterordnen sollen. Das ist meines Erachtens der falsche Ansatz“, fiel ich ihr unhöflich ins Wort, weil ich in ihren Worten anklingen hörte, dass man sich einer Gehirnwäsche unterziehen muss, um gemeinschaftstauglich zu sein. „Solche allgemeingültigen Rezepte gibt es bei uns nicht. Die Schule des Lebens führt jeden zu sich selbst, befreit ihn von Fremdbestimmungen“, konterte sie etwas angewidert.„Bedeutet das, dass jeder jamilandische Bürger zu sich selbst gefunden hat, sozusagen gänzlich mit sich im Reinen ist, oder wie soll ich das verstehen?“ „Aber Leander. Kennst du einen einzigen Menschen, der behaupten kann, er sei fertig? Wir sind alle im steten Wandel und wachsen an den Herausforderungen, die uns Stück für Stück zu unserer Bestimmung führen. Um dorthin zu gelangen, muss man allerdings bereit sein, die Pforte des Schmerzes mehrmals zu durchschreiten, bis man erkannt hat, welche Zelle des Organismus man ist. Das kann einem niemand sonst sagen, allenfalls vermuten.“ „Ich habe oft erlebt, dass es einen oder mehrere Oberhirten gibt, von denen man erwartet, dass sie einem sagen, was man denken und tun soll“, stellte ich in Frage, dass sich das in Jamilanda anders verhalten könnte. „Die Struktur Jamilandas sorgt dafür, dass sich jeder auf seine ihm eigene Weise einbringen kann und gerade dadurch das Ganze fördert und bereichert. Aber niemand wird dir sagen, was du zu tun hast. Erfreulicherweise! Sonst wäre ich bestimmt nicht hier!“Laue Sommernacht

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