Die Stimme stummer Seelen

 

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Ich bin die Stimme der stummen Seelen, der verschwiegenen Gefühle.

Sobald ich erklinge und meine Gesichter erscheinen

leben starke Reaktionen auf, gleich extremer Wetterphänomene.

Heerscharen an Feindseligkeiten,

bewaffnet mit Zynismus, Spott und Hohn

strömen aus, damit keines dieser wahren Gefühle

in sichtbare Oberfläch(lichkeit)en eindringen kann.

Keiner dieser Erinnerungen an das Innerste

soll ermöglicht werden, die hart erkämpfte

und panzerdicke emotionale Immunität aufzuheben.

Das aufgesetzte Gesicht des unablässig Heiteren und Lebensfrohen

würden graue Wolken der Resignation und des Grams überziehen.

Man würde Achtung vor einem verlieren

und alles Errungene wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Still und unsichtbar sollen sie seien, diese inneren Regungen,

denn diese archaischen, Menschheit begleitenden Sehnsuchts-Gefühle

einer liebevollen Lebensweise der Menschen

trägt Nähe und Berührung mit sich,

die wie Salz auf ungeheilte Wunden rieseln.

Man will es nicht hören, nicht sehen, nicht spüren,

was unter der Oberfläche von Kurzweil und Zerstreuung,

hinter der Fassade von Heldentum und Leichtigkeit gärt.

Nicht erinnert will man werden, dass da etwas

Verletztes, Enttäuschtes, Trauriges und nicht zuletzt auch

eine Ohnmacht vor der oft seelenleeren Wirklichkeit pulsiert.

Manchmal fassungslos still, manchmal wütend vor Unerträglichkeit,

dass Tugenden und gesundes Menschsein auszusterben scheinen,

dass Dummheit, Gier, Rücksichtslosigkeit und Narzissmus regieren

und seit undenkbaren, viel zu langen Zeiten das Zusammenleben

auf häßliche und seelenverachtende Weise gestalten und dirigieren.

Man weiß es, aber es soll unsichtbar bleiben,

weil es die Coolness, die Gelassenheit, das erleuchtete Strahlen bedroht,

was man sich so mühsam in seine Erscheinung gravierte.

Auf diese Weise können alle sehen

dass man in der gesellschaftlichen und geschlechterlichen Olympiade,

am weitesten in Herz und Spirit vorangeschritten ist,

uns nichts mehr aus der Mitte bringt

und meisterlich mit den Widrigkeiten des Daseins umgehen können.

Das Bild will man vermitteln, unterdrückt alles,

was dem entgegenspielt und nennt dies Stärke.

Die Menschen nehmen es einen ab, glauben fest daran,

dass man die tiefen Schluchten der Kleinheit und Selbstzweifel,

die dunklen Höhlen der sozialen Bedürftigkeit und des materiellen Mangels

schon längst hinter sich gelassen hat.

Man hat lange, lange trainiert, sich weis zu machen,

dass man über all das, was menschlich als negativ angesehen wird,

Kraft seines spirituellen Größenwahns, hinausgewachsen ist.

Wehe dem, der entlarvt, dass man nicht alle Tränen überwunden hat,

offene Wunden und ungestillte Sehnsucht in einem sind.

Der ist ein Feind, ein spiritueller Terrorist.

Eine ernste Bedrohung für das Selbst-Mantra,

menschliche Niederungen unwiederholbar hinter sich gelassen zu haben,

vollkommene Unabhängigkeit und Selbstbestimmung erlangt zu haben,

ein nichts und niemanden brauchender Individualist geworden ist,

der frei ist und sich erfolgreich selbstverwirklicht hat.

Im heiligen Nicht-Tun zur Erlangung völliger, nirwanischer Verantwortungslosigkeit

als letzten Schritt selbst Mitgefühl und Anteilnahme abgelegt hat.

Das Erscheinen und Hörbarwerden der stummen Seele wühlt auf,

offenbart, dass man keinesfalls schon gänzlich drüben ist,

eben doch noch nicht auf der anderen Seite

des Wahnsinns leidlicher Emotionen angekommen ist,

dass dies sogar unmöglich ist, weil diese Emotionen Teil des Ganzen sind,

wir neben kühler Erhabenheit ebenfalls lernen müssen,

ihnen offen zu begegnen, sie als Teil unseres Wesens anzunehmen.

Die Seele. Sie weiß zu gut, was gut und richtig ist.

Kommt die Wahrheit der Wesens-Seele einem zu nahe,

weil sie sich im Außen in Personen spiegelt,

rückt so manches, was wir tun, wie wir uns verhalten

in ein schlechtes Licht, stellt mit einem Impuls

die Lebensweise in Frage, mit der man über Jahre und Jahrzehnte

seine eigene Existenz erfolgreich zu behaupten imstande war.

Die Stimme der stummen Seele wird immer wieder erklingen

weil die Seele einst mit dieser unsterblichen Sehnsucht auf die Reise ging,

seither die Erfüllung dieses herzgetragenen, liebevollen Miteinanders

auf diesem Planeten der Sichtbarkeit wünscht.