Plastikmüll – endlich ein ökologisches Erwachen?

Plastikmüll

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Die Bundesregierung muss unverzüglich Anreize für die Vermeidung von Plastik schaffen, wenn sie glaubhaft für die Rettung der Ozeane und Reinhaltung von Trinkwasser und Böden und eintreten will.


Mit der Kampfansage der EU an den Plastikmüll geht ein Wehklagen durch Deutschland. Sofort melden sich die entsprechenden Lobbys zu Wort und verkünden ihren Widerstand, wollen die Vermüllung der Ozeane weiterhin ungestört vorantreiben. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft, Peter Kurth hält von einer Steuer auf Plastik rein gar nichts. Vom Kunststoff komme man nicht weg und man solle sich darauf konzentrieren, die Recylingrate von Plastik zu steigern. Auch in der Recyclingindustrie stehen die eigenen wirtschaftlichen Interessen und Profite einmal mehr im Vordergrund. Der Erhalt der Weltmeere ist egal. Das ist zynisch. Angesichts der Bilder von der Verschmutzung der Ozeane müsste man meinen, dass sowohl Produzenten als auch Konsumenten alles unternehmen wollen, diese Katastrophe zu bewältigen – ganz gleich, was es kostet. Außerdem gibt es längst Patente für die Produktion von Plastikalternativen und steuerliche Stellschrauben zur Förderung ökologisch sinnvoller Produkte ließen sich in einer Legislaturperiode beschließen.

Von der Wegwerfmentalität verabschieden

Seit geraumer Zeit ist bekannt, welches Ausmaß die Verschmutzung der Ozeane durch nicht biologisch abbaubare Kunststoffe angenommen hat. Riesige Gebiete sind durchsetzt mit Wegwerfartikeln aus Plastik. Im Pazifik gibt es Plastikmüll-Strudel, die viermal größer sind, als die Bundesrepublik Deutschland! Alles so schön praktisch. Plastikgeschirr für den Kindergeburtstag, Drinks in Plastikfläschchen, Plastiktüten im Supermarkt, Trinkhälmchen für den Drink.

In so gut wie jedem Lebensbereich ersetzte die Erdöl-Industrie natürliche Produkte (Strohhalm, Pappteller, Baumwolltasche) durch ihre erdölbasierten Kunststoffartikel. Einmal benutzen und dann wegwerfen – traumhafte Produkteigenschaften für alle gläubigen Teilnehmer einer grenzenlosen Konsumgesellschaft. Tatsächlich müsste eine solche Produktionsweise geahndet werden, etwa durch steuerliche Vergünstigungen für all die Produkte und Waren, die recyclebar oder biologisch abbaubar sind. Das sind die Anreize, die die Bundesregierung nun unverzüglich schaffen muss, wenn sie glaubhaft für die Rettung der Ozeane eintreten will.

Schon seit Jahren gibt es Patente von renommierten Instituten und Unternehmern für Materialien, die Plastik ersetzen können (Beispiele siehe weiter unten im Text). Aber es würde den Ozeanen schon erheblich Linderung verschaffen, wenn Menschen mehr darüber nachdenken würde, was sie einkaufen. Nur eine sich deutlich mindernde Nachfrage an Produkten in Plastikverpackung ermuntert die Produzenten zu ökologisch sinnvollen Verpackungs-Alternativen.

Nachwachsende Rohstoffe können Plastik ersetzen

In den 80er Jahren war das Umweltbewusstsein recht groß. Jute statt Plastik war der Slogan. Doch in den letzten Jahren überschwemmt eine Flut unnützer Verpackungen die Warenregale. Alles dient der Transporteffizienz, der juristischen Absicherung oder der Bequemlichkeit der Verbraucher. Obst und Gemüse in Plastik, Süßigkeiten, Elektroartikel, Bürobedarf, Toilettenpapier, jedes Teil wird in aufwendige Kunststoffverpackungen gehüllt. Im Durchschnitt verbraucht ein Bundesbürger 110 Kilogramm Kunststoff im Jahr. An die 15 Millionen Tonnen sind es jährlich in Deutschland. Europaweit sind es 26 Millionen Tonnen. Bisher sind nur ein halbes Prozent des weltweit produzierten Kunststoffs aus Bioplastik. Das muss sich ändern. Vielversprechende Möglichkeiten gibt es längst. Beispielsweise entwickelte der Konstanzer Chemikers Prof. Dr. Stefan Mecking gemeinsam mit dem Pflanzenphysiologen Prof. Dr. Peter Kroth von der Universität Konstanz ein neues Verfahren zur Umwandlung von Algenrohöl in höherwertige chemische Bausteine. Diese können unter anderem für die Erzeugung von Kunststoffen eingesetzt werden.

Zu den Pionieren biologischer Werkstoffe gehört die Firma Tecnaro. Sie stellt aus Lignin – einem Strukturstoff in Holz – Pflanzenfasern und Wachs das sogenanntes Flüssigholz „Arboform“ her. Es lässt sich mittels Spritzgussmaschinen in beliebige Formen gießen: Karosserien, Bauteile, Haushaltsgegenstände, Modeartikel etc. Dass das funktioniert, beweist der global agierende Modehersteller Gucci, der seine Schuhabsätze durch dieses „Flüssigholz” ersetzt hat.

Ein anderer Bereich, in dem die Bundesregierung Forschungs- und Entwicklungsgelder investieren könnte, um ihr Engagement für den Erhalt globaler Lebensräume unter Beweis zu stellen, ist die Nutzung thermoplastischer Stärke, die in Mais, Weizen, Kartoffeln und anderen Pflanzen vorkommt. Daraus lassen sich Verpackungen wie Joghurtbecher herstellen.

Eine weitere sofort verfügbare Plastikalternative sind Biopolymere, Werkstoffe aus nachwachsenden, biologisch abbaubaren Rohstoffen. Aber es gibt auch schon Zahnbürsten und Geschirr aus Bambus und viele Möglichkeiten, natürliche Cellulose, die Struktursubstanz in Pflanzen, zu qualitativ hochwertigen Produkten zu verarbeiten. Cellophan oder Zellglas kann man sowohl kompostieren als auch zum Altpapier geben. Nicht zu vergessen ist der Hanf mit der vielseitigen Verwendbarkeit seiner robusten Fasern.

Es kann also niemand sagen, Plastik sei unverzichtbar und es gehe, wie kürzlich Bundesumweltministerin Svenja Schulze verlautbarte, hauptsächlich um die Steigerung der Recyclingrate. Da diese derzeit bei nur verschlafenen sieben Prozent liegt, kann man der Ministerin durchaus zustimmen, doch beschränkt sich das Engagement darauf, geht die Politik wieder einmal der Konfrontation der Industrie mit konkreten und raschen Maßnahmen aus dem Weg. Die Kernforderung einer Ökonomie für die Erde sollte sein: keine Herstellung von umweltschädigenden Produkten und Förderung des Anbaus nachwachsender Rohstoffe. Es gibt viel zu tun: Verpacken wir es an.


 

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