Eine Bewegung will sich finden

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Die Akteure der Wandelbewegung sind das Warten auf Politik und Wirtschaft satt. Doch wie kann man gemeinsam wirken und vorwärtskommen?

Die Wandelbewegung: Was mag das sein? Der Begriff beschreibt eine wachsende Strömung, eine Gruppe von Menschen, die an einem – ihrer Meinung nach notwendigen – Wandel des gesellschaftlichen Verhaltens und Handelns arbeitet; einem Wandel ökonomischer Strukturen unter der Maxime: hin zu mehr Verbundenheit mit der Natur.

Eine Bewegung ist jedoch keine Partei mit klar definiertem Parteiprogramm und einvernehmlichen Ansichten und Interessen. Eine Bewegung nährt sich von einem kollektiven Bewusstsein, dessen Zeit gekommen ist, von einer inneren Einsicht, die bei Menschen aller Schichten und Berufe, Altersgruppen und Parteizugehörigkeiten zeitgleich aufdämmert. Sie sind sich einig, dass sich etwas in der Gesellschaft ändern, das Bestehende sich wandeln muss, um den veränderten Bedingungen der Zeit gerecht zu werden. Meist weiß eine Bewegung ganz genau, was sie nicht will, in diesem Fall: Umweltzerstörungen, eine sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Übersättigung und Hunger, Urlaub und Krieg. Und da Politik und Wirtschaft konservativ bleiben, anstatt Innovationen voranzubringen, muss sich die Bevölkerung bewegen, die Sache selbst in die Hand nehmen.

Die Wandelbewegung will sich finden

Die Bewegung des Wandels will ihre Kräfte bündeln, um auf die zahlreichen Menschheitsgefahren und die neu aufkeimende Kriegsbereitschaft des Westens kreativ, innovativ und nachhaltig zu reagieren: mit ökologische Infrastrukturen, weniger Konsum, fairem Handel und einer am nachhaltigen Gemeinwohl orientierten Ökonomie. Das sind ehrenhafte Ziele. Sie zu haben, ist einfach. Sie umzusetzen und dazu noch gemeinsam mit vielen anderen, das ist eine ganz andere Nummer.

Bevor aus Einzel- und Gruppenakteuren eine gemeinsame, interagierende Bewegung wird, wollen Hürden genommen sein. Weniger im Außen. Das sicherlich auch. Viel mehr jedoch im Zwischenmenschlichen. Hürden aus Misstrauen, Zweifel und Rivalitäten. Aus ehernen Zielen entsteht noch lange kein starkes Handeln und solides Miteinander. Dem muss die bewusste Absicht zu Grunde liegen, die Einigung als unvermeidbar begleitenden Prozess anzunehmen und so oft es einem möglich ist zu nähren. Erhält das Verbindende und Einigende keine bewusste Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, schleichen sich menschliche Schwächen ein, rauben dem Engagement für die Sache die Kraft. Dann prägen schon bald nicht die hehren Ziele das Gesicht eines Projektes, sondern die menschlichen Schwächen und Schattenseiten, und schließlich geht die Liebe für die Sache verloren. Diese Gefahr ist allgegenwärtig und kann auch der entstehenden Wandelbewegung den Garaus machen, bevor sie sich noch recht formiert hat.

Der Verstand kann sich vieles ausdenken: Visionen, Pläne, Strukturen, Konzepte. Bewähren müssen sie sich in der Praxis, im Alltag. Ohne Herzensfeuer bleiben Projekte des Verstandes kalt und unpersönlich. Vielen Akteuren der Wandelbewegung scheint dies bewusst zu sein. Diese Qualitäten von Menschlichkeit sind ihnen wertvoll: Güte und Dankbarkeit, Wertschätzung und Achtsamkeit. Deshalb muss darüber, wie ihre Ziele umgesetzt und vermittelt werden können, gesprochen werden. Wenn man Menschen für den Wandel gewinnen, berühren und begeistern will, wenn möglichst viele Impulse in die Bewegung einfließen sollen, muss man anders als bisher miteinander umgehen: gütiger und dankbarer, wertschätzender und achtsamer zum Beispiel. Herzlicher. Sonst landet man bei dem, was wir ohnehin schon haben: bei unflexiblen Hierarchien und zermürbenden Flügel- und Lagerkämpfen um die „Wahrheit“ der jeweiligen Inhalte und „die richtige Art“ des Vorgehens. Solche Diskussionen haben sich bereits Jahrzehnte hingezogen und zu keiner Einigung geführt. Denn im Vordergrund standen nicht Wohlwollen und der Einigungswille, sondern alte, tief verankerte Verhaltens- und Denkmuster und das Rechthaben-Wollen. Viele sind des Diskutierens müde. Wollen machen. Doch alleine lässt sich nicht einmal der kleinste Hügel versetzen, geschweige denn das Gebirge der Konsum- und Wegwerfgesellschaft.

Können sich Intellekt und Herz verbinden?

Die Wandelbewegung – sie sucht Strukturen, um im vernetzten Handeln gemeinsame größere Ziele zu erreichen, sie will Potenziale verbinden, um komplexe Projekte zu realisieren. Auf diesem Weg werden Schwierigkeiten sichtbar. Weltanschauungen prallen aufeinander, kulturelle und biographische Prägungen rollen sich wie Steine in den Weg: Neid, Missgunst, Groll, Habgier, Machthunger; von Erziehung und Lebensumständen konditionierte Gefühle und die alten Geister von Neid und Konkurrenz schwingen unterschwellig mit. Wer kann sich komplett davon frei machen? Darüber muss gesprochen werden. So tief sitzen diese Prägungen der Ellbogen-Gesellschaft, dass man sie oft selbst gar nicht wahrnimmt, auch wenn der Verstand meint, er hätte sich längst davon befreit. Und im Stillen und Unausgesprochenen nagt weiterhin der Hunger auf Anerkennung und Unterstützung, auf Nähe und Liebe.

Auch die alten Prägungen werden sich wandeln müssen. Wenn man sich miteinander für ein Ziel engagieren, sich auf Projekte, Gruppen und Gemeinschaften einlassen will, ist Vertrauen unerlässlich. Das lässt sich nicht verordnen und es gibt keinen Schalter, mit dem man es anknipsen kann. Was es zudem braucht, sind Strukturen und Konzepte, die das Unmögliche möglich zu machen imstande sind. Möchte man etwas Neues in die Welt bringen, taugen die alten Herangehensweisen dazu nicht. Nur flexiblere und tolerantere Strukturen können der großen Vielfalt und den unterschiedlichen Mentalitäten innerhalb der Wandelbewegung gerecht werden. Aber vor allem braucht es viel mehr Herz und Gefühl. Nur mit Logik und ohne die Wärme von Güte, Mitgefühl und Wohlwollen lassen sich die Hindernisse nicht überwinden.

Ohne Vertrauen geht gar nichts

Viele verschieden ausgerichtete Gruppen in eine gemeinsame Vision zu integrieren, verlangt der Menschlichkeit alles ab. Vor allem braucht es Vertrauen und motivierende Erfahrungen, um dieses wachsen zu lassen. Aus dem Herzen handeln – das ist leicht gesagt, gelingt in der Umsetzung aber nur wirklich mit dem festen Willen und dem Fokus auf das Verbindende. Zusätzlich braucht es die Bereitschaft, sich selbst zu reflektieren, auch in der kritischen Begegnung Impulse für persönliches Reifen zu begrüßen. Dann sind die Hürden und Hindernisse eher willkommene Herausforderungen. Ihnen aus dem Weg zu gehen, bringt den Wandel nicht weiter. Deshalb müssen wir da hinschauen, darüber reden, offen, ehrlich und aufrichtig, nur dann kann aus der Strömung eine Bewegung werden. Ohne dass diese kooperative und spirituelle Prüfung angegangen wird, bleibt die Seele unberührt, sieht sich vor einen Karren gespannt, überrumpelt und instrumentalisiert. Sobald man spürt: „Da will eine Gruppe dominieren“ zerfällt die Bewegung wieder in ihre Einzelteile.

Wie schaffen wir Räume, in denen eine Atmosphäre des Herzens und der Stille aus sich selbst heraus entsteht? Wie kann das Bewusstsein des Verbindenden innerhalb einer Gruppe oder gar Bewegung den Fokus halten? Dazu gehört sicher auch der Mut, sich zu zeigen. Mit seinen Emotionen, Verletzlichkeiten und Schwächen und dem Wissen, dass all diese Schattenseiten Herausforderungen sind, über sich hinauszuwachsen. Undenkbar ist dies alles ohne die wohlwollende Interaktion mit den „anderen“, ohne die Gewissheit, dass man von den anderen, denen man sich zeigt, aufgefangen, also symbolisch in den Arm genommen wird. Das wäre dann der „Giraffenkuss“ auf der Homepage der ökoligenta. Das heißt vor allem, die brillante Intellektualität auf die Ebene der Menschlichkeit herunterzuholen, sonst wirken die Ziele abstrakt, theoretisch und wenig nachahmenswert. Zu oft schon wurden die Menschen im Namen einer Ideologie verschaukelt.

Wenn die Wandelbewegung ihre Sache ernst nehmen will, dann muss sie da bewusst Strukturen schaffen, innerhalb derer sich Vertrauen, Kreativität, Selbstbestimmung und vor allem auch Güte und Mitgefühl entfalten können. Auf diesem Fundament kann ein Haus mit vielen verschiedenen Räumen entstehen, kann die Toleranz für die Individualität von Menschen und Gruppen gedeihen. Wir leiden nicht am Mangel von Wissen, sondern an einem Mangel wohlwollender und kooperativer Mitmenschlichkeit. Es braucht einfach auch noch vielmehr Behutsamkeit und Empathie im Miteinander, wenn sich die Wandelbewegung stärken will.