Pilzerei am Aibelsee

Pilzhaus


Die Vielfalt des Handels in Jamilanda

Der Reitweg mündete auf einem Platz auf dem ein hausgroßer Pilz stand. Sein ausladender Hut überdeckte einen Teil des Platzes. Weiter in den angrenzenden Wald hinein thronten weitere Pilze. Verschiedene Sorten und Größen. Alles Häuser mit Fenster und Türen, wie aus dem Zwergenland. Zwerge überall. Lachend, grimmig oder verschmitzt schauend. Bärtig, pausbäckig, Säcke und Rückenkörbe schleppend. Tanzend, musizierend und Gartengeräte schwingend. Wir befanden uns in der „Pilzerei„.

Ein ulkiger, vollbärtiger Kauz mit spitzkegeligem Filzhut grummelte vor einem Fliegenpilz-Haus herum. Er trug Kübel mit Erde von einer Seite zur anderen, wo er in einer wohl geformten Champignon-Wabe verschwand, deren bauchiger Hut im oberen Drittel aus Glas war. Über demEingang der ovalen, windschiefen Holztür, die mit Gardinchen-Fenstern verziert war, hing ein Holzbrett auf dem ein Wort in fluoreszierenden Farben gemalt war: Pilz-Reich. Drinnen wurden Pilze gezüchtet. Champignons, Shiitake, Seitlinge, Braunkappen und andere, sehr kleine, wuchsen auf Strohballen und in Holzfächern auf dunkler Erde. Es roch gewöhnungsbedürftig streng.

Wir gingen in einen anderen Pilz hinein. Ein stattlicher Steinpilz mit hohen, fast monarchen Strebenfenstern. Der Pilz-Laden. Unsere Augen bestaunen Pilze in Gläsern, Pilze gemahlen, aus Wolle gestrickt, mit unterschiedlichen Naturmaterialien zu Phantasie-Pilzen gebastelt, aus Ton und mit feinen Pinseln bemalt, veredelt in Porzellan. Ein reiches Sortiment Trockenpilze präsentierte sich in einem breiten Setzkasten. Darüber, in einem Regal aus Ästen Pilzbücher zur Bestimmung und bebilderte Märchenbücher von verwegenen Pilz-Zwergen. Ein Tollhaus lebendiger Pilz-Wesen.

Grummel-Kauz kümmerte sich gar nicht um unsere Anwesenheit, so leidenschaftlich war er mit den Pilzwesen verflochten. Andere würden sagen, er sei ein durchgeknallter Fanatiker. Der Verdacht lag nahe, dass der regelmäßige Konsum dieser sonderbaren Geschöpfe, die Wahrnehmung verändert. Der Laden gab ein Zeugnis dessen ab, in welche Sphären einen die pilzige Kost mitnehmen kann. Wir sahen ihn durchs Fenster draußen herumtapern und hörten, wie er verschlagene Selbstgespräche führte. Plötzlich polterte eine kleinwüchsige, vollbusige und voluminöse Waldhexe zu einer Hintertür in den Laden hinein.

„Hoppala!“, rief sie aus, als sie über eine Kiste stolperte, aus der natürlich Pilze kullerten. Dann kramschelte sie in den Schubladen eines großen Schranks herum. Er hatte sehr viele solcher Fächer. Bis unter die Decke. Kleine Zeichen schienen auf den Inhalt zu deuten. Mir waren diese Schriftzeichen völlig unbekannt. Könnte so etwas Ähnliches wie Runen gewesen sein. Wir standen offensichtlich leicht belämmert herum, weil sie uns nebenher einen Henkelkorb aus Weidenästen in die Hände drückte. Ohne uns anzuschauen, quäkte die schrullige Gestalt etwas, was so klang, als sollten wir uns nicht genieren und nur ordentlich zulangen. „Das Körbchen füllen“, glaubte ich verstanden zuhaben. Reuig und von ihrer überzeugenden Entschlossenheit beeindruckt durchkämmten wir die Auslagen. Mich beunruhigte es etwas, dass Ross keine Silbe über die Lippen brachte. Wie sollte ich das deuten? Er übte sich in kompromissloser Passivität. Mir war fast so, als würde ich allein in dieser Pilz-Welt sein, obwohl wir gemeinsam, in allem Gehorsam, das Henkelkörbchen füllten. Knubbelinchen ließ Pilz-Schnaps in pilzige Gläschen tröpfeln und reichte sie uns. Selbst da zeigte Ross keinerlei Widerstand und kippte das Gebräu mit einem Schluck in sich hinein. Mir wurde schon vom Geruch schummrig. Aber ich wollte nicht zickig wirken, zumal die Zwergin völlige Unberechenbarkeit ausstrahlte. Deshalb verzichtete ich darauf, durch ein Veto ungestüme Geister in ihr hervorzurufen. Offensichtlich war es ein Willkommens-Ritual, ein Brauch, den es unbedingt zu achten galt.  Nach dem Schnäpschen fühlte ich, wie sie mir ein Broschürchen in die Hände legte. Brav richtete ich meine Aufmerksamkeit auf das Papier, auf dem sich die Pilzerei  bildreich vorstellte. Nicht nur gezüchtet wurden dort diese seltsamen Sporenwesen. Das Ensemble an Wohn-Pilzen beherbergte zudem eine Pilz-Schule. Wie kann es anders sein – mit Pilzstühlen im Psycolcybin-Waben-Häuserl. Alles so hutzelig und abgedreht. Ich las, dass die Pilz-Schule  regelmäßige Wald- und Wiesen Lehrgänge macht und Pilz-Sammler ausbildet, sogenannte Pilzlinge. Pilzlinge ernten nicht nur, sondern sorgen auch für die Verbreitung von Speisepilzen. Echte Pilzlinge erforschen die Mysterien der geheimnisvollen Mycel-Wesen. Und die sind mannigfaltig. Da gibt es Pilzvölker, die ernähren sich von Plastik und andere lassen ihre Fruchtkörper zu Materialien verwandeln, die Schaum- und Kunststoffe ersetzen können. Ein kleines Volk ist mit Medizinmännern und Schamanen verbunden.

Der Krautlhuber, der da draußen unentwegt vor sich hinwerkelte, schien ein umfassendes Projekt am Laufen zu haben, bei dem er Pilzkulturen für die unterschiedlichsten Zwecke züchtete. Im Wald hinter seinen Pilz-Waben mussten große Dome stehen, in denen es der Zwergen-Professor den Pilz-Zivilisationen gemütlich machte.

Körbchen war voll. Wir gingen zum Schreibtisch auf dem eine uralte Kasse stand. Mein Souvenir-Sortiment im Gästezimmer wurde um eine Welt reicher. Eine magische Welt. Wo war die Hexeline? Weg! Zaghaft riefen wir nach ihr. Dauerte zu lange. Unsere Seelen brauchten frische Luft und Bewegung. Wir rechneten die Sachen selbst ab und legten die Jamils  in ein Körbchen neben der Kasse. Da lagen schon andere Münzen drinnen. Kam keiner mehr. Ich schrieb noch einen Zettel, dass wir das Geld ins Körbchen gelegt haben. War natürlich viel mehr, als nötig gewesen wäre. Draußen tauchte auch niemand mehr auf. So ist das mit den Pilzen. Eben noch da und schon wieder verschwunden.


aus: Jamilanda, Kapitel 23

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