Die Magie des Lagerfeuers

fire-298093__340


Ich nähere mich dem Gästehaus. Durch das Blattwerk dringt der Klang von Flötentönen und Saiteninstrumenten. Trommelbässe, die im leichten Wind des Nachmittags wabern. Der Platz im Garten hat sich verändert. Es stehen Holztische, Bänke und massive Stühle auf der gemähten Wiese. Menschen gehen umher, decken und dekorieren sorgfältig die Tische. Frauen in fülligen Kleidern mit blumenhaften Dekolletees stellen Tonkaraffen mit süßen Säften, Wein und Quellwasser und Vasen mit bunten Blumensträußen in die Mitte der langen Tischreihen. Sonnenschirme aus geflochtenem Stroh spenden Schatten. Große und kleine Körbe aus Bast und Weidenholz sind an den Tischen bereitgestellt worden, gefüllt mit frischem, leuchtendem Obst, Gebäck und Trockenfrüchten. Ich bin zur richtigen Zeit angekommen. Innerhalb von einer Viertelstunde sind alle Sachen bereitgestellt, um ein frohes Fest beginnen zu lassen. Farben, Klänge, Gegenstände und Kleider versetzen mich ich eine mittelalterliche Szenerie, mitten in einen tschechischen Märchenfilm. Nebenan, in einer rund gemauerten Feuergrube, wird ein säuberlich aufgeschichteter Haufen Holz entflammt. Der Auftakt des Gartenfestes. Eine Musikgruppe in Gewändern des Fahrenden Volkes spielt auf. Flötenklänge verzaubern das gelassene Treiben. Die Klänge rühren mein Herz, wirken auf mich, wie eine Offenbarung, tränken das Gartenfest in eine sinnliche Stimmung, beschwören die Eintracht der Menschen und ihr Streben nach Frieden und Wohlstand. Schäferpfeifen und Bardengesang besingen aus Leibeskräften das ursprüngliche und naturverbundene Leben der Menschen, zeitlos und authentisch. Um das Lagerfeuer, das lichterloh brennt und seine Kraft entfaltet, sitzen schweigend und andächtig Gäste, von den Flammen paralysiert. Ein archaisches Bild. Der Mensch und die Magie seines Lagerfeuers, in dessen Betrachtung er geistige Reisen unternimmt, in deren Lodern und Züngeln Gesichter und Geschichten erscheinen, Erinnerungen erwachen und Visionen erhellen, Erkenntnisse ins Bewusstsein funken und Visionen das Herz entzünden. Die Bilder verschmelzen mich mit diesem Lebensgefühl, das Teil meiner Genetik, Teil des Menschseins zu sein scheint. Ich kann es spüren, erinnern, erwecken. Wir tragen alle Zeiten in uns, als etwas Erlebtes und Erfahrenes. Wir kennen die Gerüche und Geschmäcker von damals. Das Sediment der Menschheitsgeschichte, das in jedem von uns auf dem Grunde der Seele, des Unbewussten, ruht. Wenn wir in die Stille wechseln, öffnet sich diese Pforte der Äonen. Die Verbindung zum Feuer berührt unsere Urnatur, lenkt unseren Geist auf das Essentielle des Daseins, jenseits aller Zeitlichkeiten…


aus: Jamilanda, Kapitel 17

Werbeanzeigen