Wandelbewegung: Warum sind viele Vorhaben Seifenblasen?

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Täglich wächst die Zahl derer, die sich für eine ökologische und nachhaltige Lebensweise entscheiden. Aus der Einsicht der Notwendigkeit heraus drängt es Menschen, ihre natürliche Vorstellung von einem gesunden Leben umzusetzen. Ein langer Prozess des Informierens und Regelns beginnt. Man kann sich hierzulande nicht einfach in die Natur zurückziehen und sein ursprüngliches Leben leben. Für alles mögliche braucht es Fachkräfte und Experten, damit Behörden ihre Genehmigung für dies und das erteilen. Die lassen sich gut bezahlen. Das können sich wiederum nur wenige wirklich leisten. Wenn man allein oder zu nur wenigen ist, ist man bald entmutigt.

Ständig muss das Rad neu erfunden werden und man wünscht sich auf diesem mühsamen Weg irgendwann nur noch, Unterstützung zu bekommen, die nicht immer gleich satte Kosten und finanzielle Belastung bedeutet. Eine kaum zu lösende Bremse. Also verwerfen sie ihr Vorhaben und arrangieren sich mit dem Ist-Zustand. Mit jedem, dem dieser Wechsel in eine andere Lebensweise gelingt, entzieht es dem Alten Kraft. Also gilt es doch für die Wandelbewegung, Brücken zu bauen, über die man in eine enkeltaugliche Zukunft gelangen kann.

Man wundert sich, dass es bei so viel Engagement für den Wandel, das überall zu entdecken ist, nicht richtig weitergeht. Viele, viele Projekte gibt es. Aber ihre Inhalte und Ziele scheinen nicht wirklich dort anzukommen, wo sie gebraucht werden. Sie werden gar nicht wirklich wahrgenommen, weil sie über die eigenen Kreise gar nicht hinaus kommen. In Zeiten des Social Media lässt es einen stutzig werden, dass nicht schon viele Synergien geschlossen wurden, um Projekte für den Wandel voranzubringen.

Woran scheitert der Wunsch nach Synergie?

Netzwerke schießen wie Pilze aus dem Boden, aber irgendwie scheinen sie über bloße Lippenbekenntnisse und Absichtsbekundungen nicht hinauszugehen. Man kennt sich, aber ein gemeinsames Wirken findet nur selten statt. Vielleicht fehlt lediglich ein faires Konzept wie „ehrenamtliches“ Engagement vergütet werden kann. Wahrscheinlich fehlt es den meisten Menschen, bei dem, was sie alles für ihre Daseinsberechtigung unternehmen müssen, an Zeit. Die Idee von Netzwerken ist, Kräfte zu bündeln und sich wechselseitig bei Projekten zu unterstützen und zu ergänzen. Aber wie hauchen wir dieser Idee echte Strukturen ein. Je mehr Projekte des Wandels gemeinsam aus der Taufe gehoben werden, desto besser für die Sache, oder nicht? Jedes Wandelprojekt, was auf eigene Beine gestellt werden kann ist ein Gewinn für die gesamte Wandelbewegung und potentiert die Kräfte.

Die Situation ist dem jedoch keineswegs zuträglich. Wir stecken alle in den Bedingungen und Spielregeln der „Alten Welt“. Die Einen kommen vor lauter Aktionismus gar nicht mehr zu den wesentlichen Dingen, geschweige denn zu sich selbst. Sie finden gar nicht die Zeit, sich auch noch für mehr als die eigenen Projekte einzubringen. Die Anderen haben ihre Hoffnung längst begraben, dass mal irgendwie etwas zusammengeht und machen konsequent ihr eigenes Ding, ohne sich darum zu scheren, was andere machen. Unter dem Motto: Ich lass es mir noch die letzten Tage, die uns in dieser Apokalypse bleiben, gutgehen. „Is ja eh nichts mehr zu retten. Hauptsache, ich kann mich und meine Familie selbst versorgen.“

Und die allermeisten schauen einfach nur, welche Nützlichkeiten sie für sich aus dem Netzwerk herausziehen können, ohne wirklich an einer Zusammenarbeit interessiert zu sein. Ihr Alltag lässt zu wenig Raum für kollektive Angelegenheiten. Das übliche, altbekannte Spiel, dass man andere zum Objekt macht, sie für selbstbezogene Interessen instrumentalisiert. Gar nicht absichtlich, sondern aus der Gewohnheit heraus. Das potentiert den Frust und nimmt der Wandelbewegung die Glaubhaftigkeit.

Lässt sich dieser unzufriedenstellende Zustand überwinden?

Macher sind gefragt, überall. Doch die Macher sind völlig überfordert, stoßen an Grenzen der Belastbarkeit. Ist das der Sinn der Sache? Eine Wandelbewegung, die sich imgrunde ähnlich verhält wie Karrieremenschen und Workaholics? Sind viele nur deshalb Macher, weil das in der Gesellschaft angesehen ist oder sind sie es, weil es ihnen schwerfällt, einfach nur im Sein zu sein? Geht es um die persönliche Anerkennung oder tatsächlich um die Sache? Wo bleiben Raum und Zeit für rein menschliches Miteinander und für echte, konkrete Unterstützung im Alltag, damit nicht jeder ständig alles können muss, um ein Wandel-Projekt voranzubringen? Endet dieses Verhalten nicht auch im Burnout?

Früher kannte man sogenannte Synergien als selbstverständliche Nachbarschaftshilfe oder schlichtweg als Freundschaftsdienste. Dieser Verbund ist jedoch zusammengebrochen, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der man ständig umziehen muss und sich folglich kaum noch echte soziale Geflechte aufbauen können, die über Jahrzehnte gewachsen sind. So leben viele in ihrer eigenen, kleinen Oase, die sie sich mit den ihnen allein zur Verfügung stehenden Möglichkeiten gestalten.

Für andere ist der Umstand, dass man am Ende sowieso auf sich allein gestellt ist genau der Grund, weshalb sie sich erst gar nicht an ein eigenes Projekt heranwagen und lieber die bittere Pille der Anpassung schlucken. Solange, bis sie von ihrem Kompromiss krank werden und erkennen, dass das auch keine echte Lösung ist. Also nehmen sie den nächsten Anlauf. Workshops und Seminare besuchen, Gleichgesinnte finden, sich von Neuem für etwas begeistern, sich Hoffnung machen, dass der Ausstieg aus der „Alten Welt“ nun endlich klappt. Bis wieder dieser Punkt der Erkenntnis kommt, dass einfach nicht wirklich etwas zusammengeht, solange die meisten weiterhin mit mindestens einem Bein im System verstrickt sind und sein müssen, damit die Haushaltskasse stimmt, solange man sich Intellektuell in endlose Debatten verstrickt.

Den Wandel in die Kommunen tragen

Wie können wir diesen Spagat meistern? Wie können wir den Wandel in die Mitte der Gesellschaft bringen? Wie schaffen wir Oasen des Wandels außerhalb von in sich geschlossenen Gemeinschaften mit ihren spezifischen Konzepten und Modalitäten?

Das ist der Kernpunkt, dem sich Wandelbeweger widmen müssen. Das Wissen ist da. Es braucht nur noch konkreter zusammenfinden und auf pragmatische Weise in den Dienst der Sache gestellt werden. Bestenfalls vor Ort, in Kommunen des verwaisenden ländlichen Raumes. Die sind aus der Not heraus offen für Wege, die ihre Kommunen wieder lebenswert werden lassen: Mit einer modernen, ökologischen und nachhaltigen Infrastruktur in Landwirtschaft, Energieversorgung, Regionalhandel, Mobilität und allen Bereichen des Alltagslebens.

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