Der Wunsch der Drune


Als höchstgewachsene und langlebigste Wesen des Reiches der Pflanzen waren die Bäume zu den Weisen im Erdenland emporgestiegen. Sie selbst nannten sich die Drune und hatten sich in weitläufigen Wäldern über die Ebenen und Berge von Thani ausgebreitet. Damit bekleideten sie nicht nur die Erde sondern auch das Amt des Hüters allen Lebens. Sie sorgten für Regen und Schatten, Luft und Unterschlupf, Schutz und Wärme.

Die Ältesten von ihnen wurden liebevoll verehrt. Um ihre verwachsenen Stämme herum entstanden Plätze paradiesischer Schönheit, Stätten von Anmut und Grazie. Dies waren die Drunentempel, in denen gefeiert, gelacht, geraucht, gesungen, getanzt, geliebt und nicht zuletzt geheilt und gestorben wurde. Die Wiege des Lebens, der alles entspringt und in die alles wieder zurückströmt.

Ihre Blätter wandelten den Wind zu Atem, ihre Wurzeln speicherten Wasser und Nahrung, ihr Holz wandelte sich zu Werkzeug für das tägliche Leben und zu Waffen für die Jagd.

Das Dasein zeigte sich den Drunen dankbar, ehrte sie als Könige und Königinnen der Natur, die über alles erhaben auf Mutter Erde Boden standen, die sich Jahre und Generationen durch Sturm und Frost und Hitze wanden und sich langsam wachsend Knospe um Knospe höher in den Himmel streckten.

Sie waren gewachsenes Symbol für die Vermittlung zwischen Irdischem und göttlicher Botschaft. Ihre Äste galten späteren Bewohnern des Waldes als Antennen zum Großen Geist, die niemals beschnitten werden durften. Das Feuer, sie aus dem alten, fast steinernen Holz zum Lodern brachten, an dem sie sich wärmten und ihre Mahlzeiten bereiteten, barg in seinem Rauch den sichtbaren Atem Gottes, war der sichtbar gewordene Geist des Einen. In Räucherungen der Harze wurde diese Ehrerbietung ohne Unterlass vollzogen.

Aber bis dahin dauerte es noch ein ganzes Äon und lasst euch erzählen, wie es dazu kam, dass eines Tages die Menschen in den Wäldern gebaren und wie das Feuer zu ihnen kam.

Elfen und Gome

Vor der Zeit der Menschen lebten nur die Tiere, die Pflanzen, die Faune und allerlei Geister und phantastische Wesen. Dank ihrer sprühenden Lebendigkeit und leidenschaftlichen Fruchtbarkeit blühte das Reich der Drune zu hohem Glanze auf. In der Geborgenheit der großen Wälder erstarkte die Phantasie des Lebens. Die Schöpfung entfaltete eine Vielfalt der Arten, einen unerschöpflichen Reichtum an immer neuen und einzigartigen Kreationen. Aus der Sicht des zähen Zeitflusses der alten drunischen Baumriesen ergoss sich das Leben in immer schneller werdende Kurzlebigkeit, für sie kaum mehr zu überschauen, unter deren natürlichen Belastungen sie arg litten, und derer sie zunehmend zum Opfer fielen.

Das einst bescheidene und zufriedene Leben war seinen Kinderjahren entwachsen und die Rolle des Hüters, welche die Drune einst angenommen hatten, löste sich allmählich in Sinnlosigkeit auf. Sie konnten ihr Amt nicht mehr recht erfüllen und befürchteten das Schlimmste, wenn das Leben und das Wachstum sich selbst überlassen würden. Sie malten sich aus, was geschehen würde und welche weiteren Sorgen der zunehmenden Bevölkerung folgen würden. Am Ende würde der Wald an sich selbst ersticken, wenn es niemanden gäbe, der Ausgewogenheit und Ordnung aufrecht erhält und den Dingen einen Sinn verlieh.

Ratlos wandten die Drune sich an die Geistwesen der Elemente, die Chimeren, von denen sie wissen wollten, was sie nun tun sollten. Tagelang berieten sie sich mit den Chimeren, brachten ihre Argumente dar und hörten ihre Meinung. Die Chimeren überlegten, ob sie den Drunen vielleicht ein Volk gebären sollten, dass ihnen bei der Wahrnehmung ihres Amtes dienlich und nützlich sein könnte und das Chaos der Schöpfung in sinnvolle Bahnen zu lenken vermochte. Doch wenn sie einer Elementarkraft, wie den Drunen, ein dienendes Volk entsandten, dann mussten sie den anderen Elementen dasselbe Recht zukommen lassen. Also befragten sie die Elementarkönige des Feuers, des Wassers, der Luft und des Äthers, wie zufrieden diese mit ihren Ämtern waren.

Die einhellige Meinung war, dass die gesamte Schöpfung auf Erden eines irdischen Dieners bedürfe, der sich schnell zu bewegen wüsste, sowohl geistig, als auch körperlich und die Möglichkeit habe, den Geist der Elementarkräfte spontan und sichtbar künstlerisch umzusetzen. Ferner müsste sich ein solcher Diener ohne zeitliche Verzögerung der Entwicklung des Lebens anzupassen imstande sein. Nur so könnte dieser würdig das Amt der Elementarkraft verwalten und ehrenvoll ihren Geist in der Dichte der Zeit vertreten.

Es sollte ein Geschöpf sein, das Bestehendes und Werdendes wie ein Alchimist zu neuen Formen und Gestalten wandelte, also selbst zum Schöpfer würde. Gerade diese behändige Beweglichkeit war den Elementarwesen nicht zu eigen. Ihr Lebensrad drehte sich auf einer viel größeren Spirale im Raum der Zeit. Doch nun bedurfte es der Liebe zum Detail. Jeder kurze Moment wollte erfüllt sein von Lebendigkeit. Die Möglichkeiten der Verwendung und Verschmelzung verschiedenster Daseinsformen wollten ausgeschöpft werden. Es brauchte nun für jede Elementarkraft eine Wesensrasse, der keinerlei Beschränkungen für Wachstum und Anpassungsfähigkeit auferlegt war, und die sich deshalb stets dem Wandel des Seins anzugleichen vermochte. Schöpferisch und phantasievoll sollten die Wesen sein.

Die Elementarkräfte würden sich fortan auf die Rolle des oberen Beobachters beschränken und Sorge tragen, Gleichgewicht und die Rhythmen des Seins zu erhalten.

Die Chimeren kamen überein, dass eine neue Zeitepoche angebrochen war. Sie mussten handeln, um der Entwicklung des Lebens Ehre zu erweisen. Die große Ordnung wollte sich in ausgetüftelten Einzelheiten wiedersehen. Doch eine Entscheidung von solcher, im wahrsten Sinne des Wortes elementaren Tragweite, konnten nur die Raune treffen. Ihr Geist war den Elementarkräften übergeordnet. Sie waren die Schöpfer der Elemente und ihnen oblag es, neue Rassen, neues Leben zu erschaffen. In ihren Händen hielten sie den Stein der Schöpfung in Gewahrsam.

Und die Könige und Königinnen der Elemente traten vor die große Grotte Rasavelin, den Thron der Raune, und baten um Gehör und Rat. Und so berieten alle gemeinsam – sieben Tage und Nächte.

Die Raune erkannten den Anbruch einer neuen Epoche des Lebens ebenso und waren sich einig, dem Leben das geben zu wollen, wonach es verlangt und dessen es bedürfe, um neue Blüten zu üppiger Pracht zu entfalten. Das Leben wollte nicht mehr nur des Seins wegen sein, sondern begehrte die Freiheit, sich im Sein zu wandeln, sich seiner selbst vollkommen bewusst zu werden und Fähigkeiten zu verwenden, um das Leben neu zu gestalten.

So nahmen die Raune im Beisein der Chimeren den roten Schöpferstein und teilten ihn, mit der Kraft der Blitze, in neun Teile – im Wissen, dass die Kraft des Steines nicht zu teilen und somit in jedem Teil alles und dasselbe enthalten war. Einen der Neune behielten sie für sich, als Vertreter des Äthers. Die anderen acht vergaben sie in einer rituellen Zeremonie in der heiligen Grotte von Rasavelín feierlich an die Licht- und Schattenkräfte der Elemente. Die Chimeren kehrten in ihre Reiche zurück und begannen mit der neu erworbenen Kraft, des roten Schöpfersteins, ihre Dienerwesen zu erschaffen.

Sitaram Baum

Den Drunen erschufen die Erd-Chimeren die Elebargen, die im ältesten Teil des großen Waldes das Licht der Welt erblickten und nun in und unter den Bäumen der Drune ihr Leben und zu wirken begannen. Als Kinder der Natur weihten und ehrten sie mit ihrem Sein und ihrem Tun, was dieser Wald hervorgebracht hatte. Sie achteten den Garten der Drune als Wiege des Lebens.

Die Drune waren darüber glücklich und zufrieden und konnten sich wieder ganzen Herzens ihren elementaren Aufgaben widmen. Atmen, Wasser und Nahrung sammeln, auf immer dickeren Stämmen in den Himmel emporzuwachsen und mit immer längeren Wurzeln in das Innere der Erde vorzudringen.

Und sie wachten über das, was die Elebargen taten und unternahmen, erschienen von Zeit zu Zeit, um sie zu belehren und anzuleiten, zu warnen und zu ermutigen, ihre Kräfte und die Gaben der Schöpfung klug und sinnvoll zu verwenden.

Es gediehen die üppigen und fruchtbaren Gärten von Hepaíl, wie sich die Elebargen selbst nannten. Und wir nennen diese Wesen Menschen. Als Kinder der Natur weihten und ehrten die Elebargen den Wald mit jedem Tag aufs Neue. Zu Füßen der Baumriesen begannen sie Gärten maßvoll anzulegen und sorgsam zu pflegen. Die Drune waren glücklich und zufrieden mit dem, was die Hepaíl aus dem Wald machten.

Jeden Tag gebaren neue Pflanzen, Früchte und Insekten. Sie lernten bestimmte Pflanzen zu essen, den Honig der Bienen zu sammeln, Gerichte mit Pilzen, Beeren und Wurzeln geschmackvoll herzurichten, sammelten herabgefallenes Holz und bauten Hütten, schufen Platz im dichten Dickicht, entdeckten Kräuter zum Heilen ihrer Wunden und Gebrechen. Sie lernten die Schöpfung und ihre Möglichkeiten zu verwenden. Das eine wurde vom anderen getrennt und das Wachstum erhielt eine lebendige Ordnung.

Auf Feldern vereinten sie die Wesen, die sie mit Gemüse, Blätter und Getreide, Wurzeln, Beeren und Früchten nährten. In Rabatten erstrahlten vereint die Farben der Blumen. Kräuterbeete säumten die Wege.

Äste zäunten Weiden ein, auf denen friedlich Tiere grasten. Sie waren sicher vor wilden Gefahren und gaben zum Dank Milch und Eier und Mäntel für die Kälte an Wintertagen.

Steine reihten sich sittsam zu Wegen, richteten Mauern und Brücken auf umfassten begrenzend die Gärten und schichteten wetterfeste Häuser auf. Jede Einzelheit des Waldes erhielt Platz und Bestimmung, Sinn und Bedeutung.

An vielen Orten des Waldes, an Bächen, Wasserfällen, unter Baumriesen und auf blühenden Lichtungen entstanden durch die arbeitsamen und sinnlichen Hände der Elebargen Plätze kindlicher Verehrung. Sie brachten dort ihre Freude zum Ausdruck, Heger und Pfleger des Waldes und seiner unerschöpflichen Pracht zu sein, in der sie die göttliche Vollkommenheit erkannten und erfuhren. Auf kreisrunden Lichtungen wurde getanzt und gefeiert, Opfer dargebracht, geboren und gestorben.

Das Volk wuchs.

Die Gärten brachten reichlich Nahrung für alle Bewohner des Waldes hervor – nicht nur für die Hepaíl. Weit verstreut im Herzen des Waldes lebten zahlreiche kleine Familienstämme, die alle gemeinsam teilnahmen am großen Werk des Zaubergartens.

Doch eines Tages erlaubte sich ein starker und kluger Hepaíl – Häuptling einen Gedanken, der den paradiesischen Frieden des Waldreiches vor neue Herausforderungen stellte. Der bewegliche und uneingeschränkt freie Geist des Menschen erwachte und fragte sich: Was mag hinter dem Wald, jenseits der Bäume sein?

Mit einem Mal war man der Zufriedenheit und Eintracht satt und es regte sich der Puls des Wachstums, der Ausdehnung, der Neugier und der Abenteuerlust. Die Ordnung im Reich der Hepaíl hatte ein Höchstmaß an Ausgewogenheit erreicht und es dürstete nach neuen Möglichkeiten und Erfahrungen.

Mit einem Mal war den Hepaíl nicht mehr ausreichend, was sie an Überfluss und Wonne genossen. Der Wunsch nach Erweiterung war aufgekeimt, die Macht der Vorstellungen hatte sich vom Geist der Dienerschaft befreit und die Hepaíl wurden sich der Möglichkeit einer neuen Freiheit bewusst.

aus dem Märchen Epos „Thani“

von Alander Baltosée

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